Beethoven als Bürger – Zwischen idealer Vorstellung und Lebensrealität

Beethoven verstand sich als Bürger vor allem im ideellen Sinne und wollte »sein Leben mittels Kunst zum reinen Dienst an der Menschheit […] stilisieren« (Geck, S. 23). Schon zu Bonner Zeiten war er von aufgeklärten Gedanken fasziniert gewesen, hatte sich mit den Zielen der französischen Revolution auseinandergesetzt und mit ihnen sympathisiert. Auch in Beethovens Kompositionen schimmert sein weltanschauliches Ideal immer wieder durch – beispielsweise in seinem Ballett Die Geschöpfe des Prometheus op. 43 (1801) oder natürlich in seiner 9. Sinfonie in d-Moll op. 125 (1824). Nicht zuletzt auf Grund der metaphysischen Tendenzen der zeitgenössischen Musikliteratur gelang es ihm, als entweltlichter, ganz der Musik und höheren Zielen zugewandter Genius wahrgenommen zu werden.
Der Realität seines tatsächlichen Lebens stand dies jedoch zum Teil diametral entgegen: »Seine materiellen Ängste […] waren […], zusätzlich zu seinem Selbstverständnis als Künstler, sicherlich oft auch ein handfestes Movens, ein solch umfangreiches Œuvre zu schaffen« (Kämpken, S. 16). So war Beethoven Zeit seines Lebens damit befasst, für seine finanzielle Sicherheit zu sorgen.

Ab 1800 gelang ihm dies in einer Art Säulenmodell, das zum einen aus Einkünften aus Konzerten (bis zu seiner Ertaubung), Verlegerhonoraren und Widmungs- und Auftragskompositionen bestand. Zum anderen erhielt er aber auch großzügige und regelmäßige finanzielle Unterstützung von Seiten aristokratischer Mäzene, wie Karl Fürst Lichnowsky (bis 1806) oder Rudolph Erzherzog von Österreich, Franz Joseph Fürst von Lobkowitz und Ferdinand Fürst Kinsky (ab 1809). Letztere sicherten ihm eine jährliche Leibrente in Höhe von 4.000 Gulden zu, um seinen Weggang nach Kassel an den Hof Jérôme Bonapartes zu verhindern. Dass Beethoven allerdings nicht direkt – wie erhofft – bis an sein Lebensende ausgesorgt hatte und künstlerisch unabhängig wurde, lag u.a. an den Umständen: Die eigentlich fürstliche Summe schmolz durch die Inflation im Zuge der napoleonischen Kriege immer weiter zusammen, Kinsky starb und Lobkowitz drohte der Bankrott. Erst durch Klagen vor Gericht erreichte Beethoven es sechs Jahre später, dass die Zahlungen regelmäßig flossen, er den Wertverfall einigermaßen kompensieren konnte und finanziell abgesichert war.

Die Freiheit eines Künstlers, seine Unabhängigkeit von einem Dienstherren, in den meisten Fällen von einem Hof, ist das Ergebnis einer Entwicklung, die, sicherlich begünstigt durch die Ideen der Französischen Revolution, im 19. Jahrhundert ihren Anfang nahm. Beethoven hat zweifellos als einer der ersten Komponisten diese künstlerische Unabhängigkeit erlangt. Und gerade das Angebot einer höfischen Anstellung war es, dass in diesem Weg: mit einem lebenslangen Stipendium als freischaffender Künstler leben und wirken zu können

(Gutiérrez-Denhoff, S. 29)

SAR

Martin Geck, Beethoven und seine Welt, in: Beethoven Handbuch, hrsg. von Sven Hiemke, Kassel u.a. 2009.

Martella Gutiérrez-Denhoff, »o Unseeliges Dekret«. Beethovens Rente von Fürst Lobkowitz, Fürst Kinsky und Erzherzog Rudolph, in: »Alle Noten bringen mich nicht aus den Nöthen!!« Beethoven und das Geld, hrsg. von Nicole Kämpken und dems., Bonn 2005 (Veröffentlichungen des Beethoven-Hauses. Ausstellungskataloge 16), S. 28–66.

Nicole Kämpken, »… die allerliebste Dividende …«. Beethoven als Aktionär, Bonn 2005 (Jahresgaben des Vereins Beethoven-Haus 22)

Michael Ladenburger, Beethovens Weg vom Hofmusiker zum freischaffenden Künstler, in: »Alle Noten bringen mich nicht aus den Nöthen!!« Beethoven und das Geld, hrsg. von Nicole Kämpken und dems., Bonn 2005 (Veröffentlichungen des Beethoven-Hauses. Ausstellungskataloge 16), S. 14–27.

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur