Beethoven bei Günter Grass

Das »ausgebrochene Kleinbürgertum«

Dass Beethoven wie in Thomas Manns Buddenbrooks metaphorisch eingesetzt wird, ist beileibe nicht die einzige Referenz an Beethoven in einem Roman eines Nobelpreisträgers: In Günther Grass‘ Die Blechtrommel (1959) wird Beethovens Portrait dem Bild Adolf Hitlers gegenübergestellt. In der Beschreibung der Familie Matzerath hängen das Symbol der Bürgerlichkeit und Humanität und der menschenverachtende Fanatiker und Kriegstreiber an einander gegenüberliegenden Wänden – und vertreten zugleich die Überführung der kleinbürgerlichen Lebensumstände in die »neue Ordnung«: der Nationalsozialismus als »ausgebrochenes Kleinbürgertum«.

Sonst änderte sich nicht viel. Über dem Piano wurde das Bild des finsteren Beethoven […] vom Nagel genommen und am selben Nagel der ähnlich finster blickende Hitler zur Ansicht gebracht. Matzerath, der für ernste Musik nichts übrig hatte, wollte den fast tauben Musiker ganz und gar verbannen. Mama jedoch, die die langsamen Sätze der Beethovenschen Sonaten sehr liebte, […] bestand darauf, dass der Beethoven, wenn nicht über der Chaiselongue, dann übers Büfett käme. So kam es zu jener finstersten aller Konfrontationen: Hitler und das Genie hingen sich gegenüber, blickten sich an, durchschauten sich und konnten dennoch einander nicht froh werden.

Derjenige, der das Bild des Führers aufhängt, ist der vermeintliche Vater des Protagonisten Oskar: Auch Alfred Matzerath, der nur aus Langeweile der NSDAP beitritt, kann sich dem Blick Beethovens nicht entziehen.

Und auch der Autor beschäftigt sich mit Beethoven weiter: Von 1967 an führt er zusammen mit Aurèle Nicolet und Jürg Wyttenbach dessen Paraphrase über Beethovens »Wut über den verlorenen Groschen« für Sprecher, Flöte und Klavier bzw. »Theaterinstrumente« auf – als Vertonung einer politischen Rede des Schriftstellers, der sich im Wahlkampf für Willy Brandt engagierte.

BP

 

Günter Grass, Die Blechtrommel, Frankfurt 1959; Werkausgabe Bd. 3, Göttingen 1997, S. 145f.

Helmut Koopmann, »Der Faschismus als Kleinbürgertum und was daraus wurde«, in: Die »Danziger Trilogie« von Günter Grass. Texte, Daten, Bilder, hg. von Volker Neuhaus und Daniela Hermes, Frankfurt 1991, S. 200–222.

Anselm Weyer, Günter Grass und die Musik, Frankfurt am Main 2007 (= Kölner Studien zur Literaturwissenschaft Bd. 16).

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur