Beethoven in Bonn – als Musiker für den Adel

Ludwig van Beethoven diente zu Beginn seiner Karriere dem Bonner Herrscher Maximilian Franz, der seit 1784 als Kurfürst von Köln regierte. Dessen Hoforganist Christian Gottlob Neefe war sein Lehrer, und schon im Alter von elf Jahren spielte van Beethoven als unbesoldeter Vertreter Neefes die Orgel in der Bonner Hofkapelle; dreizehnjährig wurde er regulärer zweiter Organist und entsprechend besoldet.

Von Interesse ist in diesem Zusammenhang das unmittelbare geistige Umfeld Beethovens am Hof des Kurfürsten. Das hier herrschende liberale, aufgeklärte Klima war bestimmt durch das Gedankengut der Freimaurer: Beethovens Lehrer, der Hoforganist Neefe, war – ebenso wie zahlreiche andere Hofmusiker – Mitglied der Bonner Loge und sogar deren Vorsitzender. Dass Beethoven augenscheinlich wenig Kontakt mit der Loge in Bonn hatte, dürfte mit seiner Familiensituation zusammenhängen. Beethovens Mutter starb bereits 1787, und da sein alkoholkranker Vater nicht mehr arbeitsfähig war, erhielt Beethoven vom Kurfürsten die Verfügungsgewalt über die Hälfte der väterlichen Pension: Der junge Komponist wurde zum Familienoberhaupt und hatte für seine jüngeren Geschwister zu sorgen.

Eine Vielzahl der Jugendwerke van Beethovens entstanden für offizielle Anlässe des kurfürstlichen Hofs und wurden hier auch aufgeführt. Die beiden ersten Kantaten Beethovens aus dem Jahr 1790 haben entsprechende Anlässe: Den Tod Kaiser Josephs II. und die Erhebung von dessen Nachfolger Leopold II. Die beiden Herrscher waren mit dem Kölner Kurfürsten Maximilian Franz in direkter Linie verwandt: Joseph II. war ein Bruder, Leopold II. ein Vetter Maximilians. Mit dem verstorbenen Kaiser ist der Begriff der »Josephinischen Aufklärung« verbunden: Goethe nannte ihn einen Monarchen, den »alle wahren Demokraten als ihren Heiligen anbeten sollten«. Die Abschaffung der Folter und der Leibeigenschaft, die Abschaffung vieler Adelsprivilegien und religiöse Toleranz kennzeichneten Josephs Innenpolitik, unter deren Wirkung sich – nach langen Jahren der Verfolgung – auch die Freimaurerei entfalten konnte. Mit dem Amtsantritt Leopolds war in jeder Hinsicht eine Regression verbunden.

Die Texte zur Kantate auf den Tod Josephs II. und zur Kantate auf die Erhebung Leopolds II. zur Kaiserwürde WoO 87 und 88 hatte jeweils der Bonner Theologiestudent Severin Anton Averdonk verfasst. Trotz der Entstehungsumstände bilden die Kantaten nur rein äußerlich ein Werkpaar: Während der junge Komponist in der Trauerkantate sehr persönliche Musik schrieb, der er zum Teil ein Vierteljahrhundert im Fidelio wieder aufgreifen sollte, blieb die Huldigungsmusik für Leopold II. eine reine Auftragsarbeit – der politischen Überzeugung des jungen van Beethoven entsprechend.

Beide Werke wurden – entweder aufgrund der mit ihrer Aufführung verbundenen Schwierigkeiten oder wegen ihrer zu späten Fertigstellung – nicht in Bonn im Kontext ihrer Bestimmung uraufgeführt, sondern erst in den 1880er Jahren in Wien, zum ersten Mal veröffentlicht wurden sie 1888 im Supplement-Band der Alten Beethoven-Gesamtausgabe.

BP

Hans-Joachim Hinrichsen, Beethoven. Musik für eine neue Zeit, Kassel und Berlin 2019, S. 25–43.

Norbert Schloßmacher, »Beethovens frühe Prägung – Die Residenzstadt Bonn«, in: Beethoven. Welt.Bürger.Musik, hg. von Agnieszka Lulinska und Julia Ronge, Köln 2019, S. 23–35.

 

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur