Beethoven in der DDR

Vor nunmehr 50 Jahren, am 16. Dezember 1970, sprach der DDR-Staatsratsvorsitzende Willy Stoph im Rahmen des Festakts in der Berliner Staatsoper zum 200. Geburtstag von Ludwig van Beethoven – zum krönenden Abschluss der staatlichen Gedenkfeiern der Deutschen Demokratischen Republik. Vor der versammelten Politprominenz und zahlreichen geladenen Gästen stellte Stoph heraus:

Beethoven ging es um die hohen Ideale der Menschheit und ihre Verwirklichung, um ihre Weiterentwicklung im Sinne des gesellschaftlichen Fortschritts. Darum steht er uns auch heute noch so nah. Darum haben wir in unserem sozialistischen deutschen Nationalstaat, in dem wir die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigt haben, das Recht, ihn für uns in Anspruch zu nehmen.

Die Aneignung Beethovens in der DDR ist einerseits nicht denkbar ohne den Missbrauch der Musik Beethovens im »Dritten Reich«, dem der sozialistische Staat entgegentreten wollte, indem er Beethoven unter anderen Vorzeichen für sich vereinnahmte. Andererseits bezieht sich der DDR-Staatsratsvorsitzende in seiner Rede auf die Ideale des Bürgers Beethoven – die an dieser Stelle als die »hohen Ideale der Menschheit« aufgerufen werden. Dazu kommt zweifellos die Geltung der Musik Beethovens als Modell massenwirksamer Kunstmusik.

Schon 1952 – also schon drei Jahre nach der Staatsgründung – veranstaltete die DDR eine Festwoche zum 125. Todestag des Komponisten. Die Kommission für Kulturangelegenheiten ordnete an, dass jede Stadt und jeder Bezirk der DDR einen eigenen Beethoven-Ausschuss zu gründen hatte – um dann hunderte von Veranstaltungen zu organisieren. Entsprechend ist dem Gründungsdokument des Deutschen Beethoven-Ausschusses der DDR zu entnehmen:

Der 125. Todestag Beethovens 1952 legt der deutschen Nation die Verpflichtung auf, den großen Meister der Musik als den Repräsentanten des einheitlichen deutschen nationalen Kulturerbes, als fortschrittlichen freiheits- und friedliebenden Menschen, als Schöpfer bedeutender Werke in hervorragender Weise zu ehren. Beethoven muss dem gesamten deutschen Volk als der große schöpferische Mensch, der zäh und unbeugsam alle Widerstände überwand und ein Werk von Bedeutung schuf, nahegebracht werden.

Die Vereinnahmungs-Strategie der Staatsführung ging auf: Zum kulturellen Kern der DDR-Identität gehörten Persönlichkeiten wie Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe, Johann Sebastian Bach – und eben Ludwig van Beethoven.

BP

Nina Noeske, »Beethoven 1970: Männlichkeitsinszenierungen als politische Strategie in Ost und West«, in: Musik und Männlichkeiten in Deutschland seit 1945. Interdisziplinäre Perspektiven, hg. von Marion Gerards, Martin Loeser und Katrin Losleben, München 2013 (= Beiträge zur Kulturgeschichte der Musik Bd. 8), S. 73–88.

Daniel Spiesecke, »Beethoven in der DDR – Genosse Ludwig«, SWR Wissen 2020:
https://www.ardaudiothek.de/archivradio-geschichte-in-originaltoenen/ddr-feiert-beethoven-als-sozialisten/72500732

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur