Der Weg zum großen Komponisten

Frühe kleine Gelegenheitswerke Beethovens

Zeit seines Lebens komponierte Beethoven parallel Musik unterschiedlicher Gattungen aus verschiedenen Beweggründen heraus. Dabei stand für ihn nicht immer nur im Zentrum, gleichsam »dem Ruf der Muse« zu folgen und große Kunst zu schaffen, »um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden« (Heiligenstädter Testament). Wie seine Zeitgenossen schrieb auch Beethoven Musik anlässlich sich bietender Gelegenheiten – man denke da ebenso an die Musik zu einem Ritterballett WoO 1 für eine pantomimische Fastnachtsveranstaltung (1791) wie an die Chormusik zum Wiener Kongress, Ihr weisen Gründer glücklicher Staaten WoO 95 (1814) und Der glorreiche Augenblick op. 136 (1814). Auch ein Konvolut von vier weitgehend unbekannten Kompositionen lässt sich auf diese Weise charakterisieren, Beethovens Stücke für Mandoline mit Klavierbegleitung.

Seit den 1750er Jahren hatte sich die vierchörige Mandoline als ein neues Instrument neapolitischen Ursprungs in den aristokratischen Kreisen verschiedener europäischer Metropolen verbreitet. Innerhalb eines Jahrzehnts wurde sie zunächst vor allem in Paris, aber auch in Lyon, London, Prag und Wien zu einem Modeinstrument, für das eine Vielzahl an Kompositionen entstanden. Neben Duetten für zwei Mandolinen oder im Verein mit einer Geige oder Flöte finden sich vor allem Sonaten und Variationensätze für Mandoline und ein Tasteninstrument. Große Beliebtheit scheint sich das Instrument auch als Begleitinstrument für den eigenen Gesang erfreut zu haben. Und nicht zuletzt kam die Mandoline regelmäßig in Serenadenszenen in der Oper der Zeit zum Einsatz, sei es in Wolfang Amadé Mozarts Il dissoluto punito ossia Il Don Giovanni KV 527 (Prag, 1787) oder in Giovanni Paisiellos Il barbiere di Siviglia, ovvero La precauzione inutile (St. Petersburg, 1782).
Zu den Liebhaberinnen des Instrumentes zählte auch Josephine Gräfin von Clary und Aldringen (1777–1828), ab 1797 verheiratete Gräfin von Glam-Callas. Ein Jahr vor ihrer Hochzeit traf sie mit Ludwig van Beethoven zusammen, der mit seinem Unterstützer Karl Fürst Lichnowsky für drei Monate nach Prag gereist war. Beethoven komponierte für sie neben der Arie Ah! perfido op. 65 jene Gelegenheitswerke für Mandoline mit Klavierbegleitung: eine Sonatine in c-Moll, ein Adagio ma non troppo, eine Sonatine in C-Dur sowie ein Andante con variazioni. Sie erhielten posthum die Nummerierung WoO 43a und b sowie WoO 44a und b. Bis in die 1980er Jahre hielt sich die mit dieser Nummerierung in Zusammenhang stehende Hypothese, Beethoven hätte die Kompositionen bereits vor seiner ersten Pragreise für seinen Freund, den Wiener Violinen- und Mandolinenspieler Wenzel Krumpholtz, geschrieben. Mittels einer Papieranalyse der in verschiedenen Skizzenbüchern erhaltenen Skizzen zu den Stücken konnte Douglas Johnson schließlich zeigen, dass diese auf Prager Papier notiert wurden und – wie auch die Widmung »pour la belle J par LB« auf WoO 43b nahelegt – offenbar von Anfang an für die Gräfin intendiert waren.

Erst kürzlich veröffentlichte Frank Löhr auf der Basis einer Verlaufsskizze im Fischhofschen Skizzenkonvolut (Staatsbibliothek Berlin, aut. 28, f. 43r) eine fünfte Komposition – ein Rondo in D-Dur –, auf deren Existenz Chitz schon 1912 hingewiesen hatte. Gemäß der Faktur der Melodie könnte es sich um das verlorene Stück handeln, vollständig beweisen lässt sich die Zuschreibung zum derzeitigen Zeitpunkt jedoch nicht.

SAR

Philip J. Bone, The Guitar and Mandolin, biographies of celebrated players and composers for these instruments, London 1914, S. 26, 169f.

Arthur Chitz, Une Œuvre inconnue de Beethoven pour Mandoline et Piano, in: Revue musicale SIM 8/12 (1912), S. [28]–31.

D. P. Johnson, Beethoven’s Early Sketches in the “Fischof Miscellany” Berlin Autograph 28, Ann Arbour 1980.

Armin Raab, Art. Mandoline, in: Das Beethoven-Lexikon, hrsg. von Heinz von Loesch und Claus Raab, Laaber 2008 (= Das Beethoven-Handbuch 6), S. 480.

Siegert, Christine, Das Ständchen – Überlegungen zu einem Szenetypus in der Opera buffa, in: Phoibos 1 (2012), S. 41–51.

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur