Rezeptionsgeschichte

Zur Bedeutung von Beethovens Mandolinenmusik in einer bürgerlichen Musikkultur fernab des Mainstreams

Die Erstveröffentlichung von Beethovens vier Kompositionen für Mandoline mit Klavierbegleitung – eine Sonatine in c-Moll WoO 43a, ein Adagio ma non troppo WoO 43b, eine Sonatine in C-Dur WoO 44a sowie ein Andante con variazioni WoO 44b – erfolgte nicht mehr zu seinen Lebzeiten. Sie waren als musikalische Geschenke für eine adelige Dame gedacht und nicht – wie diverse andere seiner Kompositionen – für den Musikmarkt und die musikalische Öffentlichkeit. Darin spiegelt sich unbeabsichtigter Weise auch ein Stück weit wider, wie das Instrument im 18. und 19. Jahrhundert einzuordnen war. Kennzeichnend ist, dass die Mandoline ausgehend von Paris wohl mehrheitlich im privaten, oft weiblich konnotierten Rahmen aristokratischer Kreise zu finden war. Dazu gab es von den 1750er bis in die 1830er Jahre einzelne Musiker wie Giovanni Baptista Gervasio, Bartolomeo Bortolazzi oder Pietro Vimercati, die als tourende Virtuosen in verschiedenen Städten Europas vor allem mit eigenen Kompositionen auftraten.

Seit es Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer richtigen Blütezeit des Instruments mit einer weiten Verbreitung in bürgerlichen Kreisen sowohl im Privaten als auch in ersten Orchestern kam, spielten die Beethoven’schen Kompositionen für Mandoline auch im öffentlichen Konzertleben eine wichtige Rolle. Nach der Veröffentlichung der ersten beiden Stücke bei Breitkopf und Härtel im Jahr 1888 kam der Entdeckungen der weiteren beiden durch Arthur Chitz rund 20 Jahre später sowohl für das Mandolinenrepertoire als auch für die Identität der Mandolinisten eine große Bedeutung zu. Die Kompositionen wurden – und werden bis heute – in hohem Maße immer wieder zu einer Nobilitierung des Instruments in »klassischen« Kontexten herangezogen. Person und Geltung Beethovens im westlich geprägten Musikleben bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte, die eigene Geschichte der Mandoline aufzuwerten und sie als Konzertinstrument zu legitimieren.

 

SAR

Philip J. Bone, The Guitar and Mandolin, biographies of celebrated players and composers for these instruments, London 1914.

Arthur Chitz, Une Œuvre inconnue de Beethoven pour Mandoline et Piano, in: Revue musicale SIM 8/12 (1912), S. [28]–31.

Paul Sparks, The Classical Mandolin, Oxford 2005.

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Abbildung von Beethovens mutmaßlicher Mandoline nach Bone
Plattencover von 1969, Beethoven-Einspielung Mandolin music von Maria Scivittaro und Robert Veyron-Lacroix


Adagio Ma Non Troppo, Es-Dur WoO 43 Nr. 3 (Beethoven) – Diego Fasolis & Duilio Galfetti


Sonatine, C-Dur WoO 44 Nr. 1 – Diego Fasolis & Duilio Galfetti

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur