Ausstellung Ludwig van Beethoven. Aufbruch in die bürgerliche Musikkultur

Das heute die öffentliche Meinung dominierende Beethoven-Bild ist, 250 Jahre nach der Geburt des Komponisten, zu großen Teilen ein Fabrikat aus unermüdlich sich selbst reproduzierenden Stereotypen, aus deren Rückkopplungszirkel offenbar selbst auf der Basis aktueller Forschung kaum ein konsensfähiger Ausweg zu finden ist.

Hans-Joachim Hinrichsen

Unsere Ausstellung will Beethoven als (musik)politische Figur portraitieren – allerdings nicht dem Ansatz folgend, der Beethoven wahlweise zum »Revolutionär« oder zum einsamen Opportunisten von Adelskreisen macht: Der im Bonner Hofdienst sozialisierte Beethoven bewies vielfach seine Souveränität im Kontakt mit dem Wiener Hochadel, die es ihm gleichzeitig erlaubte, radikal mit den althergebrachten höfischen Strukturen zu brechen. Teil dieses politischen Handelns war Beethovens Komponieren, inszenierte er sich doch ganz im Sinn der neu aufkommenden Ästhetik als musikalisches Genie.

Beethoven ist nicht nur zunächst einmal ob seiner Virtuosität bekannt geworden, sondern wurde auch schnell zu einem der ersten Repräsentanten einer neuen Art des Komponierens: Komponieren – im Sinne eines Entwerfens und Entwickelns von Musik als Schreibvorgang und gedanklicher Prozess – ist bei ihm direkt verbunden mit einem spezifischen neuzeitlichen Künstlerbild und Kunstbegriff. Die Verknüpfung von Denken, Schreiben und Skizzieren qualifiziert das Komponieren als intellektuellen Vorgang, und das Notieren von Ideen, Entwürfen oder Kontexten begleitet den kompositorischen Schaffensprozess. Diejenigen, die dieses leisten konnten, verfügten also nicht nur über eine besondere Begabung, sondern ihnen – und eben allen voran Ludwig van Beethoven – kam eine besondere künstlerische Verantwortung zu.

Mit Beethoven beginnen aus der Verantwortung führender aristokratischer Kreise heraus gleich mehrere Elemente der bürgerlichen Musikkultur – verstanden als Paradigma: als neuartige Rezeptionshaltung in musiksoziologischer Perspektive, die Ausstrahlung besitzt bis weit in die Gegenwart, aber auch als epochales Ereignis, das mit Beethoven nachweislich raumgreifend wird. Beethovens Musik wurde in den neu entstehenden Konzertsälen gespielt, seine Musik konnte im großen Stil durch das explodierende Musikdruckwesen erworben werden und er bot mit seinem Image genug Projektionsfläche für eine breit angelegte Rezeption.

Hans-Joachim Hinrichsen, Beethoven. Musik für eine neue Zeit, Kassel und Berlin 2019, S. 7.

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur