Beethoven – die Politisierung seines Erbes

Als Ludwig van Beethoven 1827 starb, erfreuten sich insbesondere einige seiner Symphonien in ganz Europa ungebrochener Beliebtheit. Die schnelle Politisierung seines künstlerischen Schaffens hängt gleichwohl mit den von ihm selbst gewählten Narrativen zusammen. So berichtet Alexander Ulibischef kurz nach Beethovens Tod von einer Aufführung der 5. Symphonie, bei der ein napoleonischer Grenadier vom Finale derart mitgerissen worden sei, dass er fortwährend gerufen habe: »C’est l’Empereur, vive l’Empereur!«

Insbesondere die 9. Symphonie wurde sehr bald zum Gegenstand geschichtsphilosophischer und ästhetischer Debatten und spielte eine zentrale Rolle für den Missbrauch der Musik Beethovens in den deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts – sei es als Glanzstück parteipolitischer Feierstunden in der NS-Diktatur oder später in der Aneignung als Staatssymbol der DDR. Thomas Mann lässt den Protagonisten seines Doktor Faustus, den fiktiven Komponisten Adrian Leverkühn, die Botschaft der 9. Symphonie »zurücknehmen«, nachdem ihr utopisches Potential an der Realität gescheitert war; Theodor W. Adorno notiert kalauernd als Skizze für sein nie vollendetes Beethoven-Buch: »Hitler und die IX. Symphonie: Seid umzingelt, Millionen.«

Dass die 5. Symphonie wiederum zum Symbol der alliierten Siege über Nazi-Deutschland wurde – unter anderem wegen der Verwandtschaft des »Victory«-Zeichens und der römischen Ordnungszahl V der Symphonie –, erscheint im Rückspiegel der Geschichte wie eine Umkehrung der Ideologisierung von Beethovens Musik. Gleiches gilt für die historische Aufführung der 9. Symphonie zu Weihnachten 1989 unter Leonard Bernstein, der den Schlusschor mit dem Initial »Freiheit, schöner Götterfunken« zur Metapher für die Öffnung der Berliner Mauer umfunktionierte – als demonstrative Selbstverortung innerhalb der freiheitlich-demokratischen Deutungstradition.

Die »Freuden«-Melodie als Hymne der deutsch-deutschen Olympiamannschaften von 1956 bis 1968, seit 1972 bzw. 1985 heute als (untextierte) Hymne der Europäischen Union: Beethoven wird spätestens mit dem 20. Jahrhundert zum Fanal des Politischen in der Musik, wie in der Interpretation Peter Gülkes zur 5. Symphonie angedeutet:

So hat Beethoven […] in den ersten drei Sätzen musikalisch die Losungen begründet, die er im Finale ausgibt, denen er hier, als Tribun auftretend, Gehör und Wirkung verschafft. Er artikuliert in Musik den Übergang von der Theorie zur Praxis, von der Interpretation der Welt zu ihrer tätigen Veränderung.

Peter Gülke

BP

Martin Geck, »Beethoven und seine Welt«, in: Beethoven Handbuch, hg. von Sven Hiemke, Kassel, Stuttgart und Weimar 2009, S. 2–55.

Peter Gülke, »… immer das Ganze vor Augen.« Studien zu Beethoven, Stuttgart, Weimar und Kassel 2000, S. 63.

Hans-Joachim Hinrichsen, »›Seid umschlungen, Millionen‹. Die Beethoven-Rezeption«, in: Beethoven Handbuch, hg. von Sven Hiemke, Kassel, Stuttgart und Weimar 2009, S. 567–609.

William Kinderman, Beethoven. Ein politischer Künstler in revolutionären Zeiten, aus dem Engl. von Barbara Sternthal, Wien und Graz 2020.

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur