Beethoven im »Dritten Reich«

Einige Werke Beethovens wurden von den Nationalsozialisten im »Dritten Reich« als wichtiger Teil ihrer Propaganda missbraucht, also mit einem bestimmten politischen Ziel benutzt. Die drei Elemente, die einige Werke Beethovens für den Missbrauch im politischen Kontext so anfällig machten, waren ihre Bekanntheit, ihre Aufführungsgeschichte und ihre Interpretationsgeschichte. Die Entscheidung zum Missbrauch der Werke Beethovens im »Dritten Reich« hatte hauptsächlich mit ihrer Interpretationsgeschichte zu tun: Die Nationalsozialisten nutzten diejenigen Werke aus, die so interpretiert werden konnten, dass sie den politischen Zwecken des »Dritten Reich« dienten. Dabei spielten Behörden wie das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda und die Reichsmusikkammer eine entscheidende Rolle.

Die im »Dritten Reich« am häufigsten missbrauchten Werke Beethovens sind vier der Sinfonien (die Dritte, die Fünfte, die Siebte und die Neunte) und die Oper Fidelio. Der Beiname der Dritten SinfonieSinfonia Eroica – gab den Anlass für eine Interpretation der Sinfonie als Repräsentation verschiedener Phasen des Heldentums (Kampf, Leiden, Wiedergeburt und Sieg). Die Nationalsozialisten interpretierten das Werk dahingehend, dass Beethoven durch seine Sinfonie die heroische Persönlichkeit eines Führers darstellte. Hitler wurde als der Held der Eroica stilisiert. Die Fünfte Sinfonie wurde als Schicksalsinfonie verstanden, in der ein Volk »seinen Führer findet«: Mit dieser Sinfonie stilisierten die Nationalsozialisten Hitler als Führer des deutschen Volkes. Die Siebte Sinfonie als »Sinfonie des Siegs des Nationalsozialismus« wurde im Jahr 1940 von den Berliner Philharmonikern für die deutschen Truppen gespielt. In der Neunten Sinfonie taucht Beethovens persönliche politische Gesinnung auf, die durch die Ideen der Französischen Revolution (wie der Freiheit und der Demokratie) beeinflusst war. Die Nationalsozialisten fokussierten aber einen anderen Aspekt: Beethoven komponierte die Sinfonie trotz seiner Taubheit. Diese Tatsache wurde missbraucht, um eine Analogie zu Deutschland zu schaffen: Wie Beethoven konnte das deutsche Volk sein Leiden überwinden und wieder eine große und wichtige Rolle auf der internationalen Bühne spielen. Wie Beethoven als einzelner Mensch ein großartiges Meisterwerk komponierte, so hätte Hitler als einzelner Herrscher die ehemalige Macht Deutschlands wiederhergestellt. Wie Hitler deklarierte: »Millionen sind erschüttert von der 9. Sinfonie – aber gemacht hat sie nur einer.« Obwohl Beethoven sich in der Oper Fidelio gegen die Tyrannei und für die politische Freiheit aussprach, wurde die Oper im Jahr 1938 zum Geburtstag Hitlers gespielt. Hitler wurde propagandistisch mit dem Held Fidelio identifiziert, der erfolgreich gegen die Tyrannei kämpfte.

Der Dirigent Wilhelm Furtwängler war ein wichtiger Akteur im Rahmen des Missbrauchs der Werke Beethovens im »Dritten Reich«. Schon vor der Zeit des Nationalsozialismus galt Furtwängler als einer der berühmtesten deutschen Dirigenten. Beethoven ist derjenige Komponist, dessen Werke Furtwängler am meisten aufführte. Durch seine Vorliebe für Beethoven und seine günstige Position als Lieblingsdirigent Hitlers konnte Furtwängler in gewissem Maße über die Werke Beethovens entscheiden, die in Deutschland aufgeführt wurden. Eines seiner Lieblingswerke war die Neunte Sinfonie, die mehr als alle anderen Werke Beethovens im »Dritten Reich« aufgeführt wurde: Allein in den Jahren 1941 und 1942 wurde sie über dreißigmal in Deutschland gespielt.

Amanda Werner
Middlebury School in Germany, Mainz

 

David B. Dennis, Inhumanities: Nazi Interpretations of Western Culture. Cambridge University Press, 2012.

Martin Geck, Beethoven. Der Schöpfer und sein Universum, München 2017.

Werner Klüppelholz, »Götterfunkenflug. Über Beethovens katastrophales Nachleben«, in: SWR2 Essay, Sendung am 2. März 2020:
https://www.swr.de/swr2/doku-und-feature/swr2-essay-2020-03-02-100.html

Andrea Würth, Beethoven als ›grand Uomo‹ seiner Sinfonie? Eine neue Interpretation der Sinfonie Eroica. Hamburg 2014.

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur