Beethoven in Frankreich

»Mozart est un amant qui séduit ; Beethoven, un téméraire qui triomphe par la violence«: Die Gegenüberstellung der Protagonisten Mozart und Beethoven war nicht nur für den zeitgenössischen Kritiker der Serie von Beethoven-Symphonien, die die Société des Concerts du Conservatoire unter François-Antoine Habeneck im Jahr 1828 aufführte, typisch. So wie der Musikhistoriker François-Joseph Fétis Beethoven deutlich gegen die Verführungskraft Mozarts herausstellte, verhielt sich die französische Öffentlichkeit dem Schaffen Beethovens gegenüber zunächst reserviert, aber spätestens von den 1830er Jahren an begeistert. Paris wurde im 19. Jahrhundert zu einem Zentrum der Beethoven-Pflege in Europa – neben Wien, Berlin und Leipzig und deutlich vor London.

Auch über das Second Empire hinaus bleibt Beethoven in Paris der meistgespielte Komponist, und sogar der Krieg von 1870/1871 führte nicht zu einem Einbruch der Popularität Beethovens in Frankreich. Rezipiert aber wurden im 19. Jahrhundert in erster Linie die symphonischen Werke, vor allem die Symphonien Nr. 3 und 5 bis 7; erst in der zweiten Jahrhunderthälfte setzte sich auch die 9. Symphonie durch, aber ohne Schlusschor. Das Streichquartettschaffen Beethovens wurde allerdings ebenfalls seit 1830 kontinuierlich (vor allem durch den Geiger Pierre Baillot angeregt) gepflegt.

Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit Beethoven stand in Frankreich immer dessen Musik; ein eigentlicher Beethoven-Kult ist aber vor allem mit Romain Rolland verbunden, dessen Vie de Beethoven 1903 in den »Cahiers de la Quinzaine« erschien. Für Rolland ist Beethoven vor allem der Heros des Volks, der die Menschheit mit der Kunst zu höheren Zielen führen will: Er zitiert das Heiligenstädter Testament und die Briefe Beethovens, um ihn näher zu charakterisieren als »Dieu de 1905«, zu dem – dem Kunstkritiker Raymond Bouyer zufolge – alle Ungläubigen beteten. Die Schrift diente im Ersten Weltkrieg dem französischen Militär zur Stärkung der soldatischen Moral: skurril angesichts der pazifistischen Haltung ihres Autors.

Und auch Romain Rollands ab 1928 erscheinendes mehrbändiges Opus Beethoven. Les grandes époques créatrices atmete die Luft des 19. Jahrhunderts: Rolland bemüht sich ausdrücklich nicht um Objektivität in der Analyse der Werke Beethovens, sondern stellt vor allem die Ewigkeitswerte seiner Musik heraus. Seine Haltung (die den Neigungen des Fin de siècle entsprach) forderte früh Gegendarstellungen heraus – so von Claude Debussy, der bereits als Monsieur Croche Karfreitag 1901 die Neigung zur Heroisierung und Ideologisierung der 9. Symphonie bemängelte:

La symphonie avec chœurs de Beethoven, laquelle prêta à des interprétations tellement surhumaines que de cette œuvre si forte et si claire on ne fit, pendant longtemps, qu’un épouvantail à public …

Claude Debussy

BP

 

Romain Rolland, La vie de Beethoven, Paris 1903.

Martin Geck, Beethoven. Der Schöpfer und sein Universum, München 2017, S. 414–440: »Beethoven en France«.

Leo Schrade, Beethoven in Frankreich. Das Wachsen einer Idee, Bern und München 1980.

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur