Beethoven in Wien – als Komponist für den Adel

Als Ludwig van Beethoven 1787 erstmalig Wien besuchte, trug er die grüne Uniform des in Bonn residierenden Kölner Kurfürsten Maximilian Franz. Sein zweiter Besuch war von Dauer: Beethoven sollte von 1792 an Wien bis zu seinem Tod treu bleiben – und die Livree eines Hofmusikers ablegen, zumal sein Bonner Dienstherr 1794 seine Zahlungen eingestellt hatte. Aber es waren seine Beziehungen zum Wiener Adel und Hochadel, die ihm ein Leben als freier Musiker und Komponist überhaupt erst ermöglichten.

Die Angehörigen des Wiener Hochadels trugen entscheidend zum Netzwerk Beethovens in Wien bei, indem sie ihm ermöglichten, in ihren Häusern andere exzellente Musiker*innen kennenzulernen. Als Geldgeber traten sie insofern in Erscheinung, als Beethoven sie oder Angehörige ihrer Haushalte im Klavierspiel und in der Komposition unterrichtete; außerdem widmete er ihnen wesentliche Kompositionen im Druck. Zu Beethovens ersten Anschaffungen in Wien gehörten entsprechend schöne Kleidung und eine Perücke – und er plante, Tanzunterricht zu nehmen.

Beethoven wohnte in Wien ab 1794 im Haus des mährisch-schlesischen Fürsten Karl Lichnowsky (1761–1814), den der Komponist als »wärmsten Freund« beschrieb – allerdings stießen ihn die mit den musikalischen Soirées verbundenen Pflichten ab, jedenfalls Beethovens Freund Wegeler zufolge: »Nun soll ich, täglich um halb 4 Uhr zu Hause sein, mich etwas besser anziehen, für den Bart sorgen usw. – Das halt‘ ich nicht aus!« Lichnowsky förderte eine große Reise Beethovens nach Prag, Dresden und Berlin im Jahr 1796; eine besondere Rolle als Kunstliebhaberin spielte die Fürstin Christiane, geborene von Thun-Hohenstein. Das Zerwürfnis auf dem Familienschloss Grätz in Böhmen, wo sich Beethoven im Herbst 1806 geweigert haben soll, für französische Offiziere zu spielen, ist legendär.

Zu den wichtigsten adeligen Gönnern Beethovens gehörte Fürst Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz (1772–1816): Der Fürst sorgte 1803 für die Uraufführung der Eroica und engagierte sich in erheblichem Maß finanziell. Anlass für die Komposition der späten Missa Solemnis op. 123 schließlich war die Inthronisation des Erzherzogs Rudolph von Österreich (1788–1831) zum Erzbischof von Olmütz. Beethoven fühlte sich dem musikalisch begabten Mitglied des Kaiserhauses besonders verbunden: Erzherzog Rudolph war seit 1809 Beethovens Kompositions- und Klavierschüler. Auch dieses Verhältnis ging jedoch über eine bloße Lehrer-Schüler-Beziehung weit hinaus, wovon unter anderem die vielen Widmungen Beethovens an Rudolph zeugen.

So war neben der insgesamt politisch reaktionären Stimmung im Wien Beethovens für dessen Weiterentwicklung die individuelle Auseinandersetzung mit seiner Person in den Reihen des in Wien residierenden Adels viel bedeutsamer – und der Musiker wurde nicht als künstlerische Attraktion in der Art eines »Salonlöwen« wahrgenommen: Beethoven wurde von vielen Adeligen seiner Zeit als Ausnahmepersönlichkeit begriffen, deren Schaffen in die Zukunft weist.

BP

Martin Geck, Beethoven. Der Schöpfer und sein Universum, München 2017, S. 117–144: »Tollheiten im Umfeld der Eroica«.

Birgit Lodes, »Gaben und Gegengaben. Ehepaare des Wiener Hochadels als Beethovens Mäzene«, in: Beethoven. Menschenwelt und Götterfunken, hg. von Thomas Leibnitz, Salzburg und Wien 2019, S. 55–67.

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur