Beethovens Kompositionen für Chor und das bürgerliche Musikwesen

Beethovens Kompositionen für Chor gehören angesichts der überaus lebendigen Chorkultur überraschender Weise nicht gerade zu seinen bekanntesten Werken. Dies ist in mehrerer Hinsicht interessant: erstens vor dem Hintergrund seines Selbstverständnisses als Bürger – immerhin wurde im 19. Jahrhundert gerade das Männerchorwesen zu der Ausdrucksform des Bürgertums. Zweitens verwundert es angesichts der generellen Vereinnahmung von Beethovens Kompositionen im Rahmen der erstarkenden bürgerlichen Musikkultur. Und drittens ist auffallend, dass es sich per se nur um wenige Kompositionen Beethovens handelt, die allerdings jeweils gattungserweiternd wirken – obwohl sich die Gattungen z.T. zeitgleich erst zu entfalten begannen.

Beispielhaft deutlich wird dies bei den Liedern für Chor und Ensemblebegleitung, mit denen sich Beethoven deutlich von den seit der Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert entwickelten Formen des Chorgesangs à la Friedrich Zelter abhob. So könnten der Elegische Gesang op. 118, das Opferlied op. 121 und das Bundeslied op. 122 als gleichsam anachronistisch bezeichnet werden;

denn obwohl das erste Drittel des 19. Jahrhunderts die entscheidende Phase für die Entwicklung der Laienchorbewegung war, in deren Blütezeit dann (zunächst vereinzelt) vergleichbare Kompositionen entstehen sollten, fällt die große Konjunktur der Neugründungen von Liedertafeln, Liederkränzen und Singgemeinschaften erst in die 1830- und 1840er-Jahre.

(Janz, S. 257)

Die Premiere der genannten Kompositionen erfolgte jedoch schon 1822 im Rahmen einer Pressburger Akademie – und zwischen den für op. 121 und 122 auf die 1790er Jahre zu datierenden ersten Ideen und ihrer Aufführung lagen nahezu dreißig Jahre. Dazu kommt, dass sich die genannten Entwicklungen einer bürgerlichen Chorkultur in Beethovens Lebensmittelpunkt Wien noch sehr viel weiter verzögerten. So dauerte es im Österreich Metternichs bis 1843, bis es August Schmidt gestattet wurde, überhaupt einen Männergesangverein zu gründen.

Auch die vielleicht bekannteste Chorkomposition Beethovens, die im Jahr 1815 entstandene und aufgeführte Meeres Stille und Glückliche Fahrt op. 112 ist jenseits eines direkt auf das Chorwesen zu beziehenden Gattungszusammenhangs einzuordnen. Sei es bezogen auf die streckenweise opernhaft wirkende Stimmbehandlung des Chores, auf die kontrastreiche und bildhaft-lautmalerische Gestaltung des Orchestersatzes oder auf die Wahl der lyrischen Vorlage gerade jener Goethe-Gedichte – op. 112 bewegte sich in jeder Hinsicht fernab dessen, was in der aufstrebenden bürgerlichen Musikkultur zu jener Zeit bereits rezipiert werden konnte.

SAR

Tobias Janz, Christus am Ölberge, Kantaten, Chorlyrik, in: Beethoven Handbuch, hrsg. von Sven Hiemke, Kassel u.a. 2009, S. 252–279.

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur