Beethovens Schrift. Von der Skizze zur Edition

Beethovens Handschrift ist – ob nun in seinen Partituren, den Skizzen, den Briefdokumenten oder anderen Aufzeichnungen – extrem schwer lesbar und stellt die Editor*innen dieser Zeugnisse vor besondere Herausforderungen, zumal auch vermeintliche Nebenquellen wie etwa einzelne Skizzenblätter immer wieder sowohl für editorische als auch aufführungspraktische Belange relevante Informationen enthalten. Bereits 1978 definierte Sieghard Brandenburg im Vorwort seiner Edition des Keßler-Skizzenbuchs die Zugänglichmachung des Notentexts durch Transkription als wesentliches Ziel:

Die Unleserlichkeit der Skizzen gilt vielfach als das Haupthindernis für ihre Erforschung. Die Skizzenausgabe will daher dem weniger auf Beethovens Handschrift spezialisierten Lesern die Mühe der Entzifferung abnehmen und ihm eine Übertragung von kompetenter Hand anbieten.

Inzwischen sind vollfarbige Faksimile-Drucke erheblich preiswerter geworden – aber selbst diese photomechanischen Verfahren können nur zum Teil die Informationen des Originals abbilden: Auch hier zielen Übertragung und Kommentar weiterhin auf den (Noten-) Text und den Inhalt der Niederschrift.

Notentext weist aber die Dichotomie zwischen Text und Graphik auf. So weist Bernhard R. Appel schon früh auf den mehrfachen Schriftsinn von Notentext hin. Er unterscheidet verschiedene Ebenen, wobei diese auch Schnittmengen bilden können: Neben der kompositorisch-strukturellen Ebene – dem komponierten Notentext und seinen Vorstufen – existiert eine notationelle Ebene mit Abkürzungen oder virtuellen Notierungen, etwa über Generalbassziffern angedeuteter Text. Aus einer metatextlichen Ebene mit Textwegweisern lassen sich chronologische Beziehungen ableiten, und als rekursive Ebene kategorisiert Appel selbstadressierte Kommentare, die vor allem in Planungskonzepten bestehen können. Eine metaschriftliche Ebene umfasst unabsichtliche Arbeitsspuren wie den Gebrauch unterschiedlicher Schreibmaterialien, Tintenflecken und andere versehentlich eingebrachte implizite Hinweise. Und auch der implizite Metatext erlaubt Rückschlüsse auf den Schreibprozess: Die graphologische Ebene weist psycho-physische Indikatoren auf. Notenschrift ist damit zugleich Text (Inhalt) und Grafik (Darstellung bzw. Form), sie ist gleichzeitig Sprache und Bild.

Die Möglichkeiten digital basierter Musikeditionen bieten, wie das Akademie-Projekt Beethovens Werkstatt – insbesondere in Hinsicht auf die Darstellung graphischer Prozesse oder anderer metatextueller Informationen in Digitalisaten – zeigt, neue Zugangswege, die auch für eine Aufarbeitung anderer und andersgearteter Komponistenwerkstätten von großem Interesse sind: Der Erforschung des kreativen Denkens von Kunstschaffenden kommt künftig eine wichtige Aufgabe zu und rückt das Feld der musikalischen Skizzenforschung zudem näher an aktuelle musikwissenschaftliche Diskussionen rund um musikhistoriographische Zugänge und die Ausbildung von musikästhetischen Ansätzen. Die eigentlichen Methoden bleiben dabei variabel – auch in Hinblick auf das wissenschaftliche Ziel, das nicht nur ein philologisches sein muss, aber sein kann.

BP

 

Das Projekt „Beethovens Werkstatt“, betreut von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz in Kooperation mit dem Beethoven-Archiv und dem Musikwissenschaftlichen Seminar Detmold/Paderborn:
www.beethovens-werkstatt.de

Bernhard R. Appel, »Genetische Textkritik: Vom mehrfachen Schriftsinn musikalischer Werkstattdokumente«, in: Brahms am Werk. Konzepte – Texte – Prozesse, hg. von Siegfried Oechsle und Michael Struck unter Mitarbeit von Katrin Eich, München 2016, S. 25–45

Roswitha Klaiber, »Ludwig van Beethoven. Variationen seiner Handschrift. Ausgewählte Schriftbilder. Eine schriftpsychologische Betrachtung«, in: »Diesen Kuß der ganzen Welt!« Die Beethoven-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin, hg. von Friederike Heinze, Martina Rebmann und Nancy Tanneberger, Petersberg 2020, S. 148–157.

Julia Ronge, »Schriftbildlichkeit bei Ludwig van Beethoven«, in: Neue Ansätze zur Skizzenforschung für die Musik des langen 19. Jahrhunderts, Berlin 2020 (= Methodology of Music Research Bd. 12), S. 71–86

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur