Beethovens Skizzenbücher – ein Blick in die Werkstatt

Ludwig van Beethoven bewahrte seine zahlreichen Skizzen sein ganzes Leben lang auf und führte sie bei jedem Umzug mit sich: Seine Aufzeichnungen enthielten eine Fülle ungenutzten Materials, das er nicht verlieren wollte – und ältere Skizzenbücher und Konvolute wurden von immer wieder durchgesehen, wenn er auf der Suche nach brauchbaren Ideen war. Dabei sind in der Entwicklung der Skizzen von Beethoven deutliche Fortschritte und Veränderungen zu erkennen, die das Corpus von Skizzen zu einer Besonderheit in der Erforschung musikalischer Kreativität werden lassen.

Bereits beim Betrachten früher Wiener Skizzen Beethovens können langsame Veränderungen beobachtet werden: Anders als bei den frühen Bonner Skizzen – die vielfach chaotisch und ungeordnet wirken – arbeitete Beethoven bereits in den frühen Wiener Jahren sehr viel systematischer. Zu erklären ist die Änderung der Arbeitsweise, wie sie sich in den Skizzen Beethovens widerspiegelt, durch seinen Unterricht bei Joseph Haydn: Bei ihm lernte Beethoven, den Schreibraum als Denkraum zu begreifen, indem er ihn durch Verweiszeichen organisierte, die einzelne Skizzen zueinander in Beziehung setzen. Er strukturierte seine Arbeit viel stärker in einzelne Einheiten, die leichter zu handhaben und zu kontrollieren sind, und unterteilte sie in verschiedene inhaltlich geordnete Räume. Außerdem gewöhnte er sich eine pragmatischere Notation an.

Bis zu seinem Tod gestaltete Beethoven die Räume, in denen er arbeitete, immer klarer und dehnte sie aus: Die Notenseite als Grafik, als in unterschiedliche Flächen erschlossene Darstellung, veränderte sich. Vor allem in den 1820er Jahren, in denen Beethoven mit sehr ausgedehnten Werken wie der Missa solemnis, den Diabelli-Variationen oder der 9. Symphonie beschäftigt war, werden seine Schreibräume größer und dehnen sich auch deutlich über den vor dem Komponisten unmittelbar liegenden Material aus. Dazu ersann Beethoven immer neue Methoden, über seine vielfältigen Skizzen die Kontrolle zu behalten – so mithilfe von Verweiszeichen eigener Art, aber auch über verschiedene Knicktechniken.

Beethoven wird so zum ersten Repräsentanten einer neuen Art des Komponierens: Komponieren – im Sinne eines Entwerfens und Entwickelns von Musik als Schreibvorgang und gedanklicher Prozess – ist bei ihm direkt verbunden mit einem spezifischen neuzeitlichen Künstlerbild und Kunstbegriff: Die Verknüpfung von Denken, Schreiben und Skizzieren qualifiziert das Komponieren als intellektuellen Vorgang, und das Notieren von Ideen, Entwürfen oder Kontexten begleitet den kompositorischen Schaffensprozess. Das sich zwischen den Materialien verschiedener Ebenen und Medialität entwickelnde Beziehungsgeflecht nimmt unterschiedlich fixierte Gestalt an.

BP

 

Ulrich Konrad, »Skizzieren und Komponieren. Im Allgemeinen – und im Besonderen: Ludwig van Beethoven«, in: Beethoven. Menschenwelt und Götterfunken, hg. von Thomas Leibnitz, Salzburg und Wien 2019, S. 87–93.

Julia Ronge, »Immer das Ganze vor Augen – Abläufe in Beethovens ›Componir cabinet‹«, in: Beethoven. Welt.Bürger.Musik, hg. von Agnieszka Lulinska und Julia Ronge, Köln 2019, S. 105–117.

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur