Die Papiertheater – Kultur des 19. Jahrhunderts

Vergleichbar mit dem Wunsch des Bürgertums, durch heimisches Musizieren am Musikleben zu partizipieren, erwuchs im Laufe des 19. Jahrhunderts auch das Bedürfnis, Theateraufführungen – und ganz besonders Opern – nicht nur einmalig zu besuchen, sondern diese Erlebnisse auch zu Hause zu wiederholen. Das Medium, das dieses für die ganze Familie ermöglichte, war das Papiertheater als Teil der »Bilderbogenkultur«:

Das Papiertheater ist ein Modelltheater im Kleinformat, das sich in Bühnen- und Kostümgestaltung, Bühnentechnik und Repertoire bewußt an die große Bühne des 19. Jahrhunderts anlehnte. Es diente der Unterhaltung im häuslichen Kreis. Die heute gebräuchliche Bezeichnung verweist auf das Material, aus dem die Bühnen bestanden. Proszenien, Vorhänge, Hintergründe, Kulissen, Soffitten, Versetzstücke und Figuren waren aus Papier.

(Reitzle, S. 5f.)

Damit waren alle äußeren Bedingungen geschaffen, um zeitgenössische Schauspiele und Opern im heimisch-bürgerlichen Umfeld eigenständig auf die Bühne zu bringen. Das papierne Material wurde ausgeschnitten, auf Pappe oder auf dünnes Holz aufgeklebt und mit Drähten, Bindfäden oder Magneten versehen. Dann wurden die Beleuchtung sowie alle erdenklichen Spezialeffekte installiert, bevor die Proben beginnen konnten. Bei all dem war oft die ganze Familie beteiligt: Kinder und Erwachsene kamen letztlich hinter den Kulissen, im Bereich der dramatischen Umsetzung oder bezogen auf die schauspielerische und musikalische Aufführung zum Einsatz. Besonders Feiertage wurden offenbar gerne für eine Darbietung vor Gästen des Hauses genutzt.

Auf dem Programm standen die großen Werke des Sprech- und Musiktheaters, die Bandbreite reichte im deutschsprachigen Raum von Shakespeare, Goethe und Schiller bis Mozart, Meyerbeer und Wagner. Genauso wie sämtliches Ausstattungsmaterial in verschiedenen Größen, koloriert oder als Schwarz-Weiß-Druck bei spezialisierten Verlagen erhältlich war, hatten diese auch die passenden Texte im Angebot. Für die Aufführung wurden die wesentlichen Elemente und Passagen auf etwa 45 Minuten gekürzt.

Interessanterweise spielten Opern dabei eine große Rolle, trotz des zu erwartenden hohen Anspruchs. Die Noten – etwa als Klavierauszug oder in reduzierter Fassung – mussten getrennt besorgt werden. Welche Stücke dabei auf welche Weise tatsächlich musikalisch umgesetzt wurden, hing von der jeweiligen Familie, von deren Interessen und Möglichkeiten ab. Einen schönen Einblick in das besondere Erlebnis einer bürgerlichen ›Heimbühne‹ bietet die Erzählung Thomas Manns in den Buddenbrooks (1922).

SAR

 

Silja Geisler, »… den Kindern eine sinnreiche und angenehme Unterhaltung zu schaffen« – die Papiertheatermaterialien der Sammlung Scholz in der Stadtbibliothek Mainz, in: Ressourcen für die Forschung. Spezialsammlungen in Regionalbibliotheken (= Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie Sonderbd. 123), hrsg. von Ludger Syré, Frankfurt/M. 2018, S. 189–205.

Ulrike Kramer, Wagner im Wohnzimmer. Private Opernrezeption und das Papiertheater im 19. und frühen 20. Jahrhundert, in: Wagner-Perspektiven. Referate der Mainzer Ringvorlesung zum Richard-Wagner-Jahr 2013 (= Schriften zur Musikwissenschaft 24), hrsg. von Axel Beer und ders., Mainz 2015, S. 105–129.

Annegret Reitzle, Die Texthefte des Papiertheaters. Ein Beitrag zur Rezeption von populären Theaterstoffen und Kinder- und Jugendtheater, Diss. Stuttgart 1990.

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Aufgebautes Papiertheater auf Holzpodest mit Proszenium, Kulissen und Vorhang (Hintergrund und Kulissen »Friedhof«, Verlag M. Trentsensky; koloriert; Bogen No.170–172); Vermerk: Darmstadt, Papiertheatersammlung Walter Röhler; Foto mit freundlicher Genehmigung der Sammlung erstellt von Stefanie Acquavella-Rauch.

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur