Digitale Möglichkeiten zur Erforschung des musikalischen Schaffens im 21. Jahrhundert

Eine besondere Bedeutung sowohl für die Beethoven-Forschung als auch für die wissenschaftliche Musikedition und die Untersuchung des musikalischen Schaffens hat ein Projekt mit dem Titel Beethovens Werkstatt. Genetische Textkritik und Digitale Musikedition. Seit 2014 gehört es zu den musikwissenschaftlichen Langfristvorhaben, die von der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur finanziert werden. Die dahinterstehende Idee ist, das musikalische Denken Beethovens und die einzelnen Schritte seines Komponierens anhand von Schreibprozessen zu rekonstruieren. Damit entwickelt das Projekt »Methoden der französischen, literarisch ausgerichteten critique génétique« weiter und überträgt diese auf verschiedene Aspekte des musikalischen Schaffensprozesses. Nicht zuletzt die Fülle des erhaltenen Materials, kombiniert mit dem seit dem 19. Jahrhundert für Beethoven etablierten Mythos des mit sich ringenden Genies machen sein Schaffen sozusagen zu einem Paradebeispiel für diese Fragestellungen.

Die Bandbreite der Kompositionen, an denen das Schaffen Beethovens im Lauf von insgesamt 16 Jahren untersucht werden soll, ist groß. Zahlreiche kammermusikalische Werke wie beispielsweise das Streichquartett C-Dur op. 59/3, die Diabelli-Variationen op. 120, und verschiedene Lieder werden dabei genauso unter die Lupe genommen wie großbesetzte Stücke wie die 8. Symphonie in F-Dur op. 93, oder überlieferte Skizzenbücher Beethovens.
Besondere Einblicke erlaubt das Projekt durch die verschiedenen digitalen Ansätze, die gezielt anhand der vorliegenden Quellen entwickelt werden, um die Art des Komponierens nachzuvollziehen und verständlich darzustellen:

Um Schaffensprozesse und die damit verbundenen Textbewegungen zu veranschaulichen und nachvollziehbar zu machen, ist eine digitale Edition ein geeignetes Vermittlungs- und Darstellungsmedium: Genetische Textkritik und Digitale Musikedition sind deshalb symbiotisch aufeinander angewiesen. Eine digitale Edition erlaubt sowohl den direkten Zugriff auf Quellen in Form hochauflösender Digitalisate, als auch deren Verknüpfung mit den Transkriptionen der Notentexte, wobei Befunde und deren Deutung unmittelbar visuell aufeinander bezogen und durch Kommentare erläutert werden können. Durch dieses verknüpfende Zeigen wird nicht nur der verbale Beschreibungsaufwand reduziert, sondern zugleich editorische Transparenz erzielt. Überdies kann der zeitliche Ablauf von Arbeitsschritten und die Abfolge der damit verknüpften Textstadien digital vermittelt werde

https://beethovens-werkstatt.de/projekt/

Technisch wird es dadurch möglich sein, eine Vielzahl von verschiedenen Themen zu bearbeiten – und die entwickelten digitalen Methoden auf andere Komponisten zu übertragen. Dabei werden mehrdeutige Skizzen transparent aufbereitet und verschiedene Varianten im Arbeitsmanuskript ausgeleuchtet. Die Zusammenhänge und Unterschiede zwischen eigenen Bearbeitungen und Originalfassungen werden ebenso aufgezeigt wie die Veränderungen im Kontext der Drucklegung von Kompositionen. Den Abschluss wird die dreifache Edition der Diabelli-Variationen bilden, mit der verschiedenen Editionstypen einander gegenübergestellt werden, um »eine Diskussion unterschiedlicher musikphilologischer Methoden [zu ermöglichen].«

SAR

 

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https://beethovens-werkstatt.de/modul-5/

Bernhard R. Appel, Joachim Veit, Skizzierungsprozesse im Schaffen Beethovens: Probleme der Erschließung und der Digitalen Edition, in: Die Tonkunst, 9/2 (2015), S. 122–130.

Bernhard R. Appel, Textkategorien in kompositorischen Werkstattdokumenten, in: »Ei, dem alten Herrn zoll’ ich Achtung gern’«. Festschrift für Joachim Veit zum 60. Geburtstag, hg. von Kristina Richts, Peter Stadler, München 2016, S. 49–57

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur