Fidelio im Papiertheater

Beethovens einzige Oper Fidelio (Wien, 1805) wurde erst nach der legendären Aufführung von 1822 im Wiener Kärntnertortheater bekannter und gehörte im Laufe des 19. Jahrhunderts schließlich zum Kanon der Werke, die »man« als gebildete*r Bürger*in eben kannte. Darin ist ein Grund zu sehen, warum Thomas Mann noch 1922 in seinen Buddenbrooks auf eine Papiertheateraufführung dieses Stückes Bezug nahm. Das Medium ermöglichte der bürgerlichen Familie die Auseinandersetzung mit dem Stoff sowie das Wiederholen, erstmalige oder erneute Teilhaben an einem Theaterereignis. Die unglaubliche Wirkung, die ein damaliger Opernbesuch hatte, wird anhand von Hannos Gedanken offenbart: »[…] er [hatte] im ersten Range an der Seite seiner Mutter atemlos den Klängen und Vorgängen des »Fidelio« […] folgen dürfen. Seitdem träumte er nichts als Opernscenen, und eine Leidenschaft für die Bühne erfüllte ihn, die ihn kaum schlafen ließ.«

Umso mehr verwundert es, dass gerade Fidelio nicht zu den Opern gehörte, die auch von den einschlägigen Papiertheaterverlagen wie Trentsensky (Wien) oder J. F. Schreiber (Esslingen) in allen gängigen Größen farbig oder schwarz-weiß angeboten wurden. Vielmehr dauerte es bis etwa 1870, dass der Mainzer Verlag Joseph Scholz einen Fidelio-Bogen mit ca. 11 cm großen Figuren ins Programm aufnahm und in der ›neuen Serie« als Nummer 282 herausgab. Auch die weitere Beschreibung des Hanno’schen Papiertheaters weist auf den Verlag Scholz:

Oh, ein Souffleur Kasten, hinter dem breit und majestätisch in Rot und Gold der Vorhang emporgerollt. Auf der Bühne war die Dekoration des letzten Fidelio-Aktes aufgestellt. Die armen Gefangenen faltete die Hände. Dann Pizarro, mit gewaltig gepufften Ärmeln, verharrte irgendwo in fürchterlicher Attitüde. Von hinten nahte im Geschwindschritt und ganz in schwarzem Sammt der Minister, um Alles zum Besten zu kehren.

Nur der Verlag Scholz bot in seiner Reihe »Kleines Format« ein derartiges Material an: einen eigenen Proszeniumbogen mit Souffleurkasten – das Proszenium Nr. 7 – und passendem rot-goldenen Vorhang – Nr. 4 – sowie einen Rittersaal und Kerker für die in den Buddenbrocks dargestellte Szene aus dem letzten Akt. Interessant ist das Detail, dass Hanno sein Papiertheater offenbar vollständig und fertig aufgebaut geschenkt bekam. Dies war nicht unbedingt gängige Praxis – vielmehr dürfte es üblich gewesen sein, dass die ganze Familie in das Vorbereiten des Theaters und einer Aufführung involviert wurde.

SAR

Silja Geisler, »… den Kindern eine sinnreiche und angenehme Unterhaltung zu schaffen« – die Papiertheatermaterialien der Sammlung Scholz in der Stadtbibliothek Mainz, in: Ressourcen für die Forschung. Spezialsammlungen in Regionalbibliotheken (= Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie Sonderbd. 123), hrsg. von Ludger Syré, Frankfurt/M. 2018, S. 189–205.

Ulrike Kramer, Wagner im Wohnzimmer. Private Opernrezeption und das Papiertheater im 19. und frühen 20. Jahrhundert, in: Wagner-Perspektiven. Referate der Mainzer Ringvorlesung zum Richard-Wagner-Jahr 2013 (= Schriften zur Musikwissenschaft 24), hrsg. von Axel Beer und ders., Mainz 2015, S. 105–129.

Thomas Mann, Buddenbrooks. Verfall einer Familie, Berlin 1922; Frankfurt am Main 1960, S. 454f.

Norbert Neumann, Hannos Papiertheater, in: Papiertheater 16 (2000), S. 4.

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur