Fidelio und Weihnachten bei den Buddenbrooks

Musik spielt im Œuvre Thomas Manns immer wieder eine tragende Rolle – bis hin zum eigentlichen Musikerroman, als der der späte Doktor Faustus (1947) verstanden werden kann. Im frühen Jahrhundertwerk Buddenbrooks (1922), das Thomas Mann berühmt machte und ihm 1929 den Literatur-Nobelpreis einbrachte, erscheint auch Beethoven – dessen Fidelio Gegenstand des Papiertheaters ist, das der kleine Hanno Buddenbrook unter dem Christbaum ersehnt:

Weihnachten … Durch die Spalten der hohen, weißlackierten, noch fest geschlossenen Flügelthür drang der Tannenduft und erweckte mit seiner süßen Würze die Vorstellung der Wunder dort drinnen im Saale, die man jedes Jahr aufs Neue mit pochenden Pulsen als eine unfaßbare, unirdische Pracht erharrte … Was würde dort drinnen für ihn sein? Das, was er sich gewünscht hatte, natürlich, denn das bekam man ohne Frage, gesetzt, daß es einem nicht als eine Unmöglichkeit zuvor schon ausgeredet worden war. Das Theater würde ihm gleich in die Augen springen und ihm den Weg zu seinem Platze weisen müssen, das ersehnte Puppentheater, das dem Wunschzettel für Großmama stark unterstrichen zu Häupten gestanden hatte, und das seit dem »Fidelio« beinahe sein einziger Gedanke gewesen war.
Ja, als Entschädigung und Belohnung für einen Besuch bei Herrn Brecht hatte Hanno kürzlich zum ersten Male das Theater besucht, das Stadttheater, wo er im ersten Range an der Seite seiner Mutter atemlos den Klängen und Vorgängen des »Fidelio« hatte folgen dürfen. Seitdem träumte er nichts als Opernscenen, und eine Leidenschaft für die Bühne erfüllte ihn, die ihn kaum schlafen ließ. Mit unaussprechlichem Neide betrachtete er auf der Straße die Leute, die, wie ja auch sein Onkel Christian, als Theater-Habitués bekannt waren, Konsul Döhlmann, Makler Gosch … War das Glück ertragbar, wie sie fast jeden Abend dort anwesend sein zu dürfen? Könnte er nur einmal in der Woche vor Beginn der Aufführung einen Blick in den Saal thun, das Stimmen der Instrumente hören und ein wenig den geschlossenen Vorhang ansehen! Denn er liebte Alles im Theater: den Gasgeruch, die Sitze, die Musiker, den Vorhang …
Wird sein Puppentheater groß sein? Groß und breit? Wie wird der Vorhang aussehen? Man muß baldmöglichst ein kleines Loch hineinschneiden, denn auch im Vorhang des Stadt-Theaters war ein Guckloch … Ob Großmama oder Mamsell Severin – denn Großmama konnte nicht Alles besorgen – die nötigen Dekorationen zum »Fidelio« gefunden hatte? Gleich morgen wird er sich irgendwo einschließen und ganz allein eine Vorstellung geben … Und schon ließ er seine Figuren im Geiste singen; denn die Musik hatte sich ihm mit dem Theater sofort aufs Engste verbunden …

Zweifellos stand Fidelio auf dem Programm des Stadttheaters in Thomas Manns Heimatstadt Lübeck, die allenthalben als Referenz des Romans begegnet. Fidelio ist unmittelbarer biographischer Bezugspunkt, zugleich aber auch Metapher – als Werk, das die Freiheit in den Mittelpunkt der Aussage nimmt: ein Wert, der nicht zuletzt für den jungen Hanno Buddenbrook ein zentrales Motiv ist. Eine der Ouvertüren zu Fidelio – Leonore III – gilt Thomas Mann als eine der liebsten Kompositionen, wie er in einer Sendung des Süddeutschen Rundfunks (Wer wünscht was?) von 1954 zugibt; diese findet auch Erwähnung im VI. Kapitel des späten Doktor Faustus.

BP

Thomas Mann, Buddenbrooks. Verfall einer Familie, Berlin 1922; Frankfurt am Main 1960, S. 454f.

Volker Mertens, Groß ist das Geheimnis. Thomas Mann und die Musik, Leipzig 2006.

Thomas Mann, Les Buddenbrook. Le déclin d’une famille, aus dem Deutschen von Geneviève Bianquis, Paris 1932 (1965), S. 541f.

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur