Komponieren – Ausdruck bürgerlicher Musikkultur

Beethovens Zeit war von tiefgreifenden politischen, ideellen und ästhetischen Umbrüchen geprägt, die sich auch auf die Entstehungsbedingungen von Musik auswirkten. Die Französische Revolution, das Aufblühen der Aufklärung sowie das damit einhergehende aufsteigende Besitz- und Bildungsbürgertum trieben den Wandel der sozialen Ordnung im 19. Jahrhundert an. Vergleichbare Entwicklungen, die das Individuum in den Fokus rückten, zeichneten sich entsprechend auch auf musikalischem Gebiet ab. Noch im 18. Jahrhundert kontrollierten adelige Mäzene weite Teile des musikalischen Geschehens, indem sie Hofkapellen unterhielten, Komponisten und Musiker beschäftigten und Konzerte finanzierten. Durch das aufstrebende Besitzbürgertum wurde nun einer breiteren gesellschaftlichen Schicht die Teilhabe am Musikleben möglich, sei es durch ihren Besuch von Konzerten oder die eigene Organisation von Aufführungen und Salons. Gleichzeitig erwies sich die Rolle von professionellen Musikkritikern, darunter E. T. A. Hoffmann und Robert Schumann, zunehmend als Bestätigung dieser neuen, vom Bürgertum getragenen musikalischen Öffentlichkeit.

Komponisten selbst fanden sich nun in einer gänzlich neuen Situation wieder: Sie mussten einerseits auf einem ‚‚Musikmarkt‘‘ miteinander konkurrieren und sich als Teil der bürgerlichen Allgemeinheit von ihr abheben. Andererseits suchten sie neue Wege der Legitimation, die ihnen zuvor noch ein Hof oder ein Mäzen als Stimme der Autorität geliefert hatte. Beides führte zu einer neuen Auffassung von Komponisten und ihrer Musik: Anknüpfend an Überlegungen der Literaturkritik und Philosophie des 18. Jahrhunderts wurden Komponisten nun mehr als ‚‚Originalgenies‘‘ verstanden, die sich durch ihre Originalität von den Zeitgenossen abgrenzten und damit die Rolle des Individuums für die Musik des 19. Jahrhunderts betonten. Die Betrachtung als ‚‚Genie‘‘ hob den Komponisten auf eine metaphysische Ebene, von der aus er eine göttliche Befähigung zur Kreativität verbunden mit moralischer Autorität hatte. Dabei kam ihm die Funktion zu, mit seiner Musik Gefühlswelten Ausdruck zu verleihen, die sich der Wortsprache zu entziehen schienen.

Beethoven gilt heute als Inbegriff dieses Genie-Verständnisses. Visueller Ausdruck dieses Komponistenverständnisses ist das Portrait Joseph Karl Stielers von 1820, das Beethoven beim Komponieren zeigt und das als idealisierte Darstellung seines ‚‚schöpferischen Genius‘‘ interpretiert worden ist. Als weiteres Beispiel hierfür dienen Hoffmanns Anmerkungen zu Beethovens Instrumentalmusik (Allgemeine musikalische Zeitschrift, 1810):

Beethovens Musik bewegt die Hebel des Schauers, der Furcht, des Entsetzens, des Schmerzes, und erweckt jene unendliche Sehnsucht, die das Wesen der Romantik ist.
[…] so entfaltet auch nur ein sehr tiefes Eingehen in die innere Structur Beethovenscher Musik die hohe Besonnenheit des Meisters, welche von dem wahren Genie unzertrennlich ist und von dem anhaltenden Studium der Kunst genährt wird…

Stephan Summers, Mainz

 

Marcia Citron, Gender and the Musical Canon, New York 1993.

Tia DeNora, Beethoven and the Construction of Genius: Musical Politics in Vienna, 1792–1803, Berkeley 1995.

Hans-Joachim Hinrichsen, Ludwig van Beethoven. Musik für eine neue Zeit, Kassel/Berlin 2020.

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, [Rezension der 5. Symphonie von Ludwig van Beethoven.], in: Allgemeine musikalische Zeitung 12 (1810), Nr. 40, Sp. 630–642.

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur