Musiker und ihre berufliche Situation um 1800

Bis ins 19. Jahrhundert hing der berufliche Weg eines Musikers in weiten Teilen des deutschsprachigen Raums meist mit der Herkunft aus einer Musikerfamilie zusammen. Dort erhielten die Kinder eine Grundausbildung meist an mehreren Instrumenten, so dass Beethovens früher Lebensweg dem vieler seiner (männlichen) Zeitgenossen entsprach. Dies gilt ebenfalls für die nächsten Stationen seines musikalischen Lebensweges: Oft schon recht jung – Beethoven war 13 Jahre alt – wurden die Kinder von Hofmusikern bei freiwerdender Stelle ebenfalls als Hofmusiker angestellt und bei besonderer Eignung vom Hof für Studienzwecke quasi ›in die weite Welt‹ geschickt. Beethoven wurde 1792 Schüler bei Joseph Haydn und Johann Georg Albrechtsberger in Wien. Die Nähe zu renommierten älteren Kollegen zu suchen und bei ihnen in die Lehre zu gehen, gehörte durchaus zu den ›normalen‹ Schritten, um in der damaligen Musikwelt Karriere zu machen.

Anstatt jedoch nach Bonn zurückzukehren, blieb Beethoven nach der französischen Besetzung seiner Heimatstadt und der damit verbundenen Auflösung des für ihn sorgenden Hofes in Wien. Er hatte Zugang zu Kreisen des Hochadels, unternahm Konzertreisen, komponierte und gab seine Werke im Druck heraus. Obwohl er dabei immer berühmter wurde, gelang es ihm nicht, einen Posten als Hofmusiker oder Hofkompositeur zu erlangen, was er in Wien durchaus noch 1807 versuchte. Die andere Möglichkeit, nämlich sich als Komponist vor allem der Gattung der Oper zuzuwenden, schien für ihn keine Option zu sein. Beethoven wählte letztlich einen anderen Weg, der vielleicht am ehesten mit Wolfgang Amadé Mozart zwischen 1781 und 1791 oder mit Joseph Haydn zwischen 1790 und 1809 vergleichbar war. Mit zunehmender Berühmtheit etablierte sich Beethoven als selbständiger Musiker und Komponist.

Dennoch: Auch ihm war dies nur möglich, da er adelige Gönner finden konnte, die ihm eine großzügige Leibrente zahlten. Trotz seines Erfolgs hätte er allein von seinen durchaus lukrativen Einnahmen aus Auftragskompositionen und Drucken ab den 1800er Jahren kaum existieren können. So war es sicherlich ein besonderes Geschick, das nicht viele Musiker seiner Zeit teilten, dass er im Laufe seines Lebens gleich mehrere Mäzene für sich gewinnen konnte. Die ihm aus ihren Kassen zuteilwerdenden Pensionen ermöglichten ihm das freie Leben als Komponist, das zu der Wahrnehmung beigetragen haben mag, er sei »der Inbegriff desfreischaffenden, nach Unabhängigkeit strebenden, die Freiheit postulierenden, seinen eigenen Weg suchenden, ja oft ungebärdigen Künstlers« (Ladenburger, S. 15).

SAR

 

Sven Hiemke (Hg.), Beethoven Handbuch, Kassel u.a. 2009.

Michael Ladenburger, Beethovens Weg vom Hofmusiker zum freischaffenden Künstler, in: »Alle Noten bringen mich nicht aus den Nöthen!!« Beethoven und das Geld, hrsg. von Nicole Kämpken und dems., Bonn 2005 (Veröffentlichungen des Beethoven-Hauses. Ausstellungskataloge 16).

Heinz von Loesch und Claus Raab (Hg.), Das Beethoven-Lexikon, Laaber 2008 (= Das Beethoven-Handbuch 6).

 

I. Teil

Zwischen Bonner und
Wiener Adel und
Bürgertum

IV. Teil

Beethoven und das Papiertheater
des 19. Jahrhunderts

II. Teil

Beethoven und die
Entwicklung der bürgerlichen
Musikkultur

V. Teil

Beethoven und
die Politik

III. Teil

Skizzenbücher als
kompositorischer Ausdruck
einer bürgerlichen Musikkultur